Madonnen auf Buchenschwarten

Das Bild der Mutter

Seit dem Jahre neunzehnhundertundsechzig schnitze ich Madonnen auf Buchenschwarten; die Werke sind mehr Zeichnungen als Plastiken. Über diese Madonnen will ich als Schnitzer einiges betrachtend sagen. Ich habe neun Bilder ausgewählt, die ich in drei Gruppen vorstellen will.

Eigentlich ist es immer das Bild meiner Mutter, die am Neujahrstag neunzehnhundertsiebenundfünfzig starb. Die erste Madonna entwarf ich für ihren Grabstein; es ist die Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond zu Füβen, eine Krone von zwölf Sternen über ihrem Haupt. Die Sonne ist auf diesem und den folgenden Bildern das Jesuskind in seiner strahlenden Weiβe. Den Mond habe ich später meist weggelassen; in dieser Neunerreihe kehrt er nur noch einmal wieder. Fast nie fehlen die Sterne; sie sind oft kugelig, oft strahlig. Auf frühen Bildern - wie auf dem Grabstein - streckt Jesus die Hand aus dem Bildumriβ und wirft die Sterne Maria um das Haupt. Hierzu muβ ich sagen, daβ ich im Todesjahr meiner Mutter meine Staatsarbeit schrieb mit dem Thema der Krönung Mariens.

Dann erhielt ich den Auftrag, für unser Gymnasium in Lahnstein die Fassade mit einem Sgraffito zu schmücken. Es war das erste Sgraffito meines Lebens. Ich wählte als Thema die Madonna vom Grabstein meiner Eltern, monumental umgestaltet; das Bild wurde fast drei Meter hoch. Das Werk wurde ausgeführt an meinem Geburtstag, dem zweiten September neunzehnhundertneunundfünfzig.

Im Jahr darauf lernte ich in Neubeckum den Bildhauer Bücken kennen. Bei ihm sah ich zuerst ein auf Buchenschwarten geschnitztes Bild, das die Gänge eines Holzwurmes nachahmte. Das war die Anregung. In unserer Klosterschreinerei fiel damals so eine Buchenschwarte ab. So entstand meine erste Madonna auf Buchenschwarte; sie ist im Besitz eines meiner Mitbrüder im Johanneskloster in Lahnstein

Ein Anfangsfehler dieser Madonna ist, daβ ich das Holz erst nach dem Schnitzen gebeizt habe, so daβ das Bild ein wenig blaβ wirkt. Heute beize ich die Bretter sehr dunkel, damit der helle Schnitt, der ja nachdunkelt, sich gut abhebt.

Die ersten Bilder sind sehr ikonenhaft, wie das auf dem Grabstein. Das zweite Beispiel, das hier abgebildet ist, zeigt dies (Madonna Nr. 50). Meist sind die Sterne rund; die eine Kniescheibe ist der dreizehnte Kreis. Die Arme sind immer gekreuzt. Sie tragen das Kind nicht eigentlich, sondern erheben sich nur zu dem Kinde, das frei schwebt. Es ist also der auferstandene Jesus in seiner Verklärung dargestellt; daβ er als Kind erscheint, soll für ihn, der ja Herr über die Zeit ist, kein Widerspruch sein. Auf dem zweiten Bild krönt das Kind Maria. Dies Bild kam nach New York in ein Kloster der Dominikanerinnen, in dem ich bei einem Besuch meines Bruders täglich die heilige Messe gefeiert habe.

Auf dem dritten Bild (Madonna Nr. 47) streichelt Jesus die Wange der Mutter, was dem Portalbild des Paderborner Domes abgeschaut ist. Dies Bild ging denn auch nach Paderborn. An ihm ist sichtbar, bis zu welcher Lieblichkeit sich auch die sonst so strenge Ikone entwickeln kann.

Zehn Jahre später - inzwischen hatte ich wohl an die neunzig Bilder geschnitzt - entschloβ ich mich für das bekleidete Jesuskind. Ich schnitzte damals gerade acht Bilder als Weihnachtsgeschenke; das achte hier gezeigte Beispiel ist eines davon (Madonna Nr. 96). Eine gewisse Zwischenstufe zum bekleideten Kind war das Bild mit dem nur geritzten Umriβ des Kindes: hier Beispiel vier (Madonna Nr.39). Es ist eines der lieblichsten Bilder. Es mag als Beispiel dafür stehen, wie der Empfänger das Bild beeinflussen kann; ist der Empfänger mir fremd, so wird das Bild eher streng. Den Empfänger dieses Bildes kenne ich gut, er steht mir sehr nahe. Die Ergriffenheit der Liebe ist an allen Stellen zu spüren, wo eines das andere berührt; das Neigen des Marienhauptes ist nicht mehr zu überbieten, demzufolge auch das Anheben des Köpfchens beim Kinde. Die Liebe nimmt einen Tausch vor: Denn eigentlich müβte der Herr sich zur Magd neigen; der Herr aber hat sie erhoben, und die zur Königin Erhobene hat die Erhebung nur zur reinen Liebe genutzt. Es neigt sich ja auch die Mutter zum Kinde, obwohl doch das Kind der Mutter untertan ist. Alles dies vermag die Liebe zu leisten.

Das Bild des bekleideten Jesuskindes führte notwendigerweise dazu, daβ ich von der ikonenhaften Darstellung zur mehr natürlichen überging. Es kommt nun eine Zeit, in der das Kind auf dem Arm der Mutter richtig sitzt nach Erdenart, und das Kind spielt auf dem Arm der Mutter das ganze Register kindlichen Spieles, von der Rose angefangen bis zur Mundharmonika. Nur zwei Beispiele seien hier vorgestellt. Das fünfte Bild (Madonna Nr. 105) zeigt den schlafenden Knaben; er hält in seinen Ärmchen noch das Spielzeug, ein Wägelchen, das hinabgleitet, aber nicht fällt, weil Jesus das Kreuz der Deichsel fest umklammert. Es war immer mein Anliegen, von dem bloβen Bild der Mutter mit dem Kind vorzustoβen zu dem religiösen Zeichen. Die Spiele des Kindes auf dem Arm der Mutter haben alle verborgenen religiösen Sinn. Die Bilder dieser Phase stellen alle eine gewisse üppige Mütterlichkeit dar, auf dem fünften Bild (Madonna Nr. 105) angedeutet durch den Blusenschlitz, der den Weg zur Mutterbrust anzeigt.

Das Mütterliche ist das Thema dieser Jahre auf meinen Bildern. Es ist die Zeit, in der man in der Welt anfing, über die Abtreibung der Leibesfrucht zu streiten. Auf einem unserer Schulfeste gewann da die Mutter eines Schülers das Bild, das hier als sechstes abgebildet ist (Madonna Nr. 103). Auf der Rückseite steht etwa folgendes: Das Kind beschützt die Taube, die Mutter beschützt das Ei; was aber willst du beschützen?

Es gibt in allen Werken die Glanzpunkte; drei derartige aus meinen Madonnenbildern seien herausgestellt. Sie haben alle etwas besonders Mütterliches, sowohl wegen des Bildes als auch wegen des Empfängers.

Heute vor sechs Jahren - wir haben den achten November siebenundsiebzig, da ich dies schreibe - kam einer meiner Schüler auf der Autobahn bei Mayen auf grauenhafte Weise ums Leben. Die Mutter dieses Jungen hatte im Jahr zuvor ihren Mann verloren. Irgend etwas trieb mich an, dieser Frau ein Wort des Trostes zu bieten in ihrem schweren Leid. So schnitzte ich ihr eine Madonna, die siebte dieser Reihe (Madonna Nr. 82). Maria erscheint auf diesem Bild als Schwangere. Auf der Rückseite habe ich dies durch eine Inschrift erklärt: Jesus segnet die Mutter, die von diesem Segen die Kirche in ihrem Schoβe trägt. Maria ist unsere Mutter geworden. Der fruchtspendende Segen, der vom Jesuskind ausgeht, ist zu sehen an dem Streicheln und an der bezeugenden Geste, mit der es auf das Herz Mariens zeigt. Das Herz Mariens habe ich danach noch dreimal dargestellt, immer für besonders gute Freunde. Maria trägt ein Kleid, wie es im Mittelalter von werdenden Müttern getragen wurde und das immer auf dem Bild der sogenannten Ährenkleidmadonna zu sehen ist: An den Säumen der Ärmel und des Halses erscheinen dort Strahlen; das Ährenkleidmadonnenbild - in der Soester Wiesenkirche ist ein solches zu sehen - wurde im Mittelalter von den hoffenden Müttern verehrt.

Dann kam das Bild, das ich von allen meinen Madonnen als Krone ansehe. Die Liebe zwischen Jesus und Maria ist ganz einfach ohne alles Beiwerk dargestellt. Ich habe dem Bild den Spruch von der Hochzeit zu Kana in der Ursprache beigefügt: TI MOI KAI SOI GYNAI, zu deutsch: Was ist mit mir und dir, Frau. Die Empfängerin dieses Bildes war Krankenschwester und mit meiner Familie eng befreundet. Diese fromme und gütige Frau ist zwei Jahre später in Paderborn gestorben. Für mich ist bei einem solchen Abschied immer die Frage: Wohin geht das Bild, das ich mir schon einmal vom Herzen abgeschnitten habe? So gerät man in Sorge um jedes Bild, und doch muβ man wissen, daβ auch diese Bilder einmal sterben werden; zuletzt sind sie, so hart das auch klingen mag, doch alle nur ein Stück Holz.

Dann wendet sich das Bild wieder der Ikone zu, von der es seinen Ausgang nahm. Diesmal aber ist es mehr eine Kopie: das letzte hier gezeigte Beispiel (Madonna Nr. 142). Die thronende Madonna mit Krone und Zepter, selber Thron für das Kind, das ein aufgeschlagenes Buch mit A und O zeigt. So ist Maria dargestellt an der Klosterpforte zu Varensell. Dort kenne ich eine Benediktinerin, die Tochter einer Freundin meiner Mutter! Die beiden Freundinnen lernten sich kennen in Paderborn, wo sie in der Nähe des Domes zusammen in Stellung waren zu Anfang unseres Jahrhunderts. Alle diese Bezüge überdenke ich, wenn ich an meinen Bildern schnitze; dann gehen die Gedanken voraus, dahin, wohin das Bild gehen wird. Dies ist das bisher letzte Bild und trägt die Nummer hundertzweiundvierzig; mein Mitbruder hat es in der vergangenen Woche mitgenommen nach Le Mans als Geschenk für den Konvent unserer Schwestern.