Pilatus

Epoche: 
Noviziat

Das Urteil fällt, und duftend Wasser flieβt,
des Richters ringbeschwerte Rechte netzend,
hernieder in die goldene Patene.
Daneben trinkt das Pflaster des Gerichtshofs
wie dürres Land die Tropfen roten Blutes,
das von den Händen deines Richters rinnt,
aus seinen Wunden über stramme Fesseln.
Zwei Zeugen für Gerechtigkeit und Unschuld
erblickt dein Auge und die ganze Welt:
Glaubst du dem Wasser und dem Wort des Römers?
Glaubst du dem Blut, dem stummen Opferlamm?
Wäscht wohl das Wasser den Pilatus rein,
wie Christi Blut dich von der Blutschuld scheidet?
Wo ist die Wahrheit, sieh die beiden an:
Sahst du je einen Feigling, der wie dieser
das Recht verdreht vor seines Kaisers Gottheit?
Sieh da, ein Mensch! Wir alle sind nur Menschen.
Wo ist dein Gott? Bist du dein eig´ner Gott?
Ist es der Kaiser? Ist es Luzifer?
Wenn du wie der Gerichtete so tapfer
und selbstlos andern dich zum Opfer gibst,
so bist du rein von allem Götzendienst.
Doch kannst du wohl wie Christus Opfer sein?
Sein Opfer ist ganz rein, ganz groβ, ganz voll,
ganz unermeβlich heilig: Gottes Opfer.
Drum fange du statt des Gerichtshofs Pflaster
des Lammes Blut in deinen Händen auf
und trink es in dein leeres, dürres Herz,
damit du Anteil hast an der Erlösung,
an dem Erlöser aller Welt, an Gott.

Weibern, 1946