Liebe ist Überfluβ

Epoche: 
Scholastikat

Wenn vor allem Beginn nicht der Überfluβ wär,
wo nähm ein jegliches Ding sein Genügen dann her?
Alles ist überflüssig, du kannst es entbehren,
bloβ der Überfluβ nicht, er muβ dich ernähren.
Nackte Gerechtigkeit schafft noch keinen Gewinn,
erst die Liebe flieβt über und jubelt: Ich bin.
Liebe flieβt über, drum bleibt sie niemals allein,
Liebe ladet sogleich bei der Liebe sich ein.
Weil nun die Lieb´ und die Liebe ein Überfluβ ist,
drum die Lieb´ und die Lieb´ in die Lieb´ überflieβt.
Also bleibt Gott noch immer die Liebe zuletzt,
wo sich die Lieb´ mit der Lieb´ an der Liebe ergötzt.
Wenn auch die Liebe so ganz in sich selber sich gieβt,
flieβt sie doch auch in die Lieb´, die sie selber nicht ist.
O du geschaffene Liebe, du bist nicht allein:
ungeschaffene Liebe hüllt sorgsam dich ein.
Es kann nicht alle Liebe aus Dank bestehen,
frag nicht, warum dich die Liebe hat ausersehen.
Soviel Gott auch schafft, so ist doch nicht alles ganz neu,
es ist doch immer die alte Liebe dabei.
Es werden nicht alle Werke zu Ende gebracht,
denn Gott hat sich stets ein lieberes Spiel ausgedacht.
Und gibt Gott in Liebe doch alles, sein eigenes Ich,
so hat er am Ende doch immer noch Liebe für dich.
Der Himmel ist keinem liebenden Herzen zu hoch;
der Höchste darin sagt einfach: O liebe mich doch!
Es können nicht alle Gebete gesprochen sein,
Gott lädt ja immer zu neuer Liebe dich ein.
Man kann nicht auf alles die letzte Antwort sagen,
Gott wird dich immer lächelnd: O liebst du mich? fragen.
In der Liebe liegt ein ewiges Wiederkehren,
stets hat sie Lust, von der Liebe es anders zu hören.
Neige dein Herz in die Stille und horche, du Dieb:
Gottes Wort gilt es zu haschen: Ich habe dich lieb.
Sage nur immer dasselbe doch sage das Rechte,
Eia hört man von Kindern und Flüche von Knechten.
Nie wirst du müde von allem himmlischen Tun:
Lieben bedeutet, am Herzen Gottes zu ruhn.
Meinst du, jetzt war es am schönsten: Gott kann sich nicht halten:
er will die Liebe dir immer noch schöner entfalten.
Es können nicht alle Schulden vergeben sein:
Gott will an dankbarer Liebe sich ewig erfreun.
Und hebt Gott im Himmel auch alle Gebote dir auf,
immer noch lädt er das Joch seiner Liebe dir auf.
Nie wird dein Hunger für immer und ewig gestillt,
weil Gott dich stets mit Hunger nach Liebe erfüllt.
Weiβt du wohl noch eine Strophe, ein Verslein, ein Lied?
Schreib es hier nieder! Wie heiβt es? Dann sing ich es mit.

Simpelveld, 18.1.1950