Leben Mariens

Epoche: 
Scholastikat

Gott ruft: Nun werde! Und im Gnadenschein
tritt deine Seele lächelnd in das Leben.
Die Erde ist für dieses Glück zu klein,
laβt uns die Herzen auf zum Himmel heben!
Zertreten ist das Tier. Es züngelt seine Gier
mit höllischem Erbeben.
Doch fürchte nichts, die du voll Gnaden bist:
Noch eh dein Herz den ersten Schlag getan,
hat dich schon Gott geküβt.

Vom Geiste Gottes ist die Stunde voll,
die Kraft des Allerhöchsten steigt hernieder.
Dein Herz ruft den, der uns erlösen soll,
das Wort wird Fleisch, Gott liebt die Menschen wieder.
Die Zeit hat sich erfüllt: Aus deinem Herzen quillt
dein Blut zu Gott hinüber;
und deine Hoffnung wartet auf den Tag,
an dem du selig sein Geheimnis spürst
und seines Herzens Schlag.

Ganz arm bringst du zur Welt den Herrn des All,
der Gott und Menschen fügt zu heil´ger Sippe.
Geburtshaus Gottes ist ein Hirtenstall
und seine Wiege eine Futterkrippe.
Göttlichen Wortes Glanz siehst du verborgen ganz
auf stummen Kindeslippen;
das Volk der Hirten lenkt zu dir die Fahrt,
und ihre Wünsche hast du für dein Kind
im Herzen tief bewahrt.

Er wird dein Lehrer, dem du Mutter bist,
du hast dein Horchen an das Wort gebunden.
Der Menschensohn, der in den Herzen liest,
hat dich als seine reinste Braut befunden.
Bereitet ist der Wein, Gott lädt zur Hochzeit ein,
es neigt sich schon die Stunde;
das Herz des Bräutigams erkanntest du,
und durch dein Wort: Was er euch sagt, das tut,
führst du ihm Kinder zu.

Wo aller Haβ hoch um das Kreuz sich türmt,
muβt zitternd du mit starkem Herzen stehen;
wo alle Zeit durch eine Stunde stürmt,
muβ auch ein Schwert durch deine Seele gehen.
Weib diene deinem Sohn! Wir dürfen um den Lohn
des Kreuzes dich anflehen;
wie hingeschmolzen Wachs dein Mutterherz
empfängt als Siegel auf den neuen Bund
den Stich in Gottes Herz.

Der neue Morgen bricht verklärt herein,
noch bist du nicht zu gleichem Glanz erhoben.
Dein Bräutigam zieht in den Himmel ein,
noch bleibst du hier, und nur dein Herz ist oben.
Du flehst um Christi Gab´,
er gieβt den Geist herab,
nun lasset Gott uns loben!
Dann fällt ein Schleier über deine Welt,
und ungesehen, wie das Osterlicht,
schwebst du zum Himmelszelt.

Simpelveld, Sommer 1950, Eckstrophen im November.

Lied uraufgeführt 2.2.1965