Kraft in der Schwachheit

Epoche: 
Lieder eines strengen Winters

Mein Lebensmosaik besteht
aus tausend kleinen Ängsten;
wen du zumeist mit Schwachheit schlägst,
den prüfst du, Herr, am längsten.

Am Ende aber zeigst du mir
in deines Herzens Falten,
wieviel es kostete, mit Mut
dies Leben auszuhalten.

Du hast mir beides, Angst und Mut,
ins kleine Herz geladen,
und weil ich mich nicht wehren kann,
erstickst du mich in Gnaden.

Wenn du dann plötzlich vor mir stehst
ganz hell und ohne Hülle,
dann flieh ich nicht, wie du auch brennst,
dann halte ich fein stille.

Ich weiβ ja, daβ du immer schon
mich erst in Schrecken setztest
und dann mein zitterndes Gemüt
ganz mit dir selbst ergötztest.

22. März 1963