Herr, wo wohnst du?

Epoche: 
Und wieder Schule

Du gehst voran, der Täufer hat auf dich gezeigt,
wir folgen dir gebannt mit scheuem Fuβ;
dich suchen wir, du wendest lächelnd dich zu uns
und hebst die Hand zur Frage und zum Gruβ:
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Beim Jugendfreund, wo du den besten Wein verschenkst,
als wärest du, nicht er, der Bräutigam;
vom Wege müd, wenn rings kein Licht zum Bleiben lockt
und du dich duckst wie ein verirrtes Lamm.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Im Tempelhof mit schnellem Stricke in der Hand,
der alle Krämer auseinandertreibt;
beim Kerzenschein, wenn das Gespräch vom Reich sich dehnt
und dir kein Stündlein mehr zum Schlafen bleibt.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Auf halbem Weg für einen Kranken angefleht,
den deine Liebe aus der Ferne heilt;
am Teiche Arzt, wie nie ein Himmelsbote rasch,
weil ganz auf dir die Kraft des Vaters weilt.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Am Brunnen Spender mehr, als daβ du selber trinkst,
für Seelen mehr als an dem Leibe matt;
und auf dem Berge, weil du selber Speise bist,
die tausend tröstend, und sie werden satt.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Auf Wogen wandelnd, weil kein Schiff dein Eigen ist,
im Nu die Schiffe werfend an den Strand;
dein Fleisch und Blut verheiβend in Kapharnaum,
wo dich so mancher Jünger nicht verstand.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Im Kreis der Kläger, wo das Weib du richten sollst,
die Sünde schreibend in den flücht´gen Sand;
Und ausgestoβen du mit dem, der dankbar ist,
weil Licht ihm brachte deine linde Hand.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Im Volke, das wie eine Herde ratlos rennt,
dich selber opfernd als der gute Hirt;
und in Jerusalem zum Tode vorgemerkt,
obwohl der Tod durch dich zum Leben wird.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Im Palmenzug, wo dich der Esel friedlich trägt,
der nie im Kriegsgetümmel Sieger war;
zu deiner Jünger Füβen waschend hingebeugt,
ein Beispiel gebend der geliebten Schar.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Am Kreuze ausgespannt die Mutter gibst du mir,
dein Herz geöffnet meinem stummen Blick;
und in dem Saal, am See, und hier und überall
gibst du dich selber göttlich mit zurück.
Was suchet ihr? – Herr, wo wohnst du? – Kommet und seht!

Lahnstein, 20.3.1973