Friede

Epoche: 
Und wieder Schule

Kinder spielen in dem Sand mit dem Schüppchen in der Hand.
Aber eines von den acht hat kein Schüppchen mitgebracht.
Ei, der Sand gehört uns allen: Kinder, laβt die Schüppchen fallen!
Hoppla, jetzt hat einer sieben, o wie sich die Kinder lieben!
Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede,
o wie ist die Welt so schön, niemals darf sie untergehn.

Willi erntet scharfen Spott: Feigling, Arschloch, Idiot!
Willi denkt: Das kann schon sein, steckt die Schläge willig ein.
Ohne Rache, ohne Klagen läβt er sich noch einmal schlagen.
Und so ist es still geblieben, o wie sich die Kinder lieben!
Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede,
o wie ist die Welt so schön, niemals darf sie untergehn.

Auf dem Wachtturm an der Grenze lauern zwei bezahlte Stenze.
Durch das Fernglas sieht man Leute: Fritz, tut das Gewehr zur Seite,
hilft den ganz verdutzten Deppen Koffer in den Westen schleppen,
gibt auch Grüβe mit nach drüben, o wie sich die Kinder lieben!
Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede,
o wie ist die Welt so schön, niemals darf sie untergehn.

Gräfin Lau kam zu Besuch und entlieh mein bestes Buch.
Nach drei Jahren oder vier sagt´ sie, es gehöre ihr.
Ich Verrückter hielt den Mund, und die Freundschaft blieb gesund.
Jetzt verstaubt der Schinken drüben, o wie sich die Kinder lieben!
Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede,
o wie ist die Welt so schön, niemals darf sie untergehn.

Wer den Ruf hat, darf es wagen, seine Freunde stets zu schlagen.
Ja, er kann den Vorschlag machen: Gebt mir Geld und gute Sachen,
dann will ich auch nicht mehr morden und bekomm den Friedensorden.
Ja, schickt nur das Geld nach drüben, o wie sich die Kinder lieben!
Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede,
o wie ist die Welt so schön, niemals darf sie untergehn.

Doch im harten Weltgebraus sieht der Friede anders aus.
Jeder macht nach seinem Stil - Friede, so wie er es will:
Klagen, strafen, Rache nehmen, das sind wahre Friedensthemen.
Sprich von Frieden lang und heiβ, nur gib keine Stellung preis!
Schütze nicht das Recht der Schwachen, lasse das die andern machen!
Denn der hat zum Krieg gehetzt, der dem Mord sich wiedersetzt.
Male an die Wand Gespenster, schmeiβe Steine in die Fenster,
pinkle an die Kirchenwand, ball zur Faust die sanfte Hand.
Und im Kampfe nicht ermüden, sag nur immer: Friede, Frieden.

Urteilt einer umgekehrt, wird er für verrückt erklärt.
Denn der Friede ist beschissen, wo wir manchmal leiden müssen.
So ein Friede kann nicht sein, niemand steckt ein Unrecht ein,
und der eine, der´s gemacht, wurd´ am Kreuze umgebracht.
Aber, rede nicht davon, das gibt einen falschen Ton,
gehe nicht zur Kirchenfeier, weil sonst Becker, Kunz und Meier
von dem Tode Jesu hören, und das kann den Frieden stören.

Laβ sie ihre Augen schlieβen, wenn auch drüben Tränen flieβen,
denn sie haben ja dem Löwen ihre Friedenshand gegeben,
Mördern, Henkern, Lügnern, Dieben, o wie sich die Kinder lieben!
Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede, Friede,
o wie ist die Welt so schön, niemals darf sie untergehn.

Lahnstein, 2.2.1973