Du, er und ich

Epoche: 
Lieder eines strengen Winters

Mir fehlt das Herz, o Königin, vor dir zu singen,
nie will dein Lob, o Königin, mir recht gelingen,
kein Bild von dir, o Königin, ist mir geglückt,
ich bin zum Tanzen, Königin, zu ungeschickt,
mein Kuβ für dich, o Königin, nie wagt´ ich ihn,
so blieb mein Leben, Königin, ganz ohne Sinn,
wenn ich nicht wüβte, Königin, von Anfang an,
daβ dir mein König alles tut, was ich nicht kann.

Jetzt soll beim König ich, der Feigling, Ritter sein,
doch lieβ den König ich im Todeskampf allein.
Es rief mein König laut nach mir, jedoch ich schlief,
so starb mein König, weil ich mit den Klägern lief.
Noch als der König auferstand, wollt´ ich nicht kommen;
so wär dem König treue Folgschaft ganz genommen,
wenn nicht die Königin, voll Heldenmut ihr Leben
für mich von Anfang an dem König hätt´ gegeben.

Was bleibt denn nun für mich, wenn alles Tun und Lieben
dem König und der Königin allein verblieben?
Ich glaub, ich kann dies besser nimmermehr erfahren,
als daβ mir beide selber alles offenbaren.
Still, daβ ich höre und im Herzen recht verstehe,
was wahres Glück ist, wenn ich Blinder auch nichts sehe:
Mir bleiben Königin und König ganz allein,
sie wollen nur noch Mutter mir und Vater sein.

26. Februar 1963