Die Frage

Epoche: 
Und wieder Schule

Kickan ging in das erste Haus,
gebückt vom schweren Kruge;
er reicht ihn einem Kranken hin,
der trank in raschem Zuge.
Und oft und oft hob er den Krug
dem Kranken an die Lippen,
doch der blieb stumm, sein Trinken war
zuletzt nur noch ein Nippen.
Das letzte Wort des Sterbenden
erklang an Kickans Ohren:
Dein Trank war Gift, doch nahm ich ihn,
weil du mich so beschworen.

Kickan ging in das zweite Haus,
noch war sein Krug nicht leerer,
doch heller war ihm Aug und Ohr,
sein Gang ein wenig schwerer.
Da lag ein Kranker, Kickan stand,
den Krug in zagen Händen
und wartete, ob man ihn bat,
den Lebenstrunk zu spenden.
Man bat ihn nicht, doch war´s, als ob
die letzten Blicke drohten:
Dein Krug war voll, doch hast du nie
mir einen Schluck geboten.

Kickan ging in das letzte Haus:
Wie soll ich es jetzt machen,
soll reden oder schweigen ich,
soll weinen oder lachen?
Wie soll ich wissen, was man wünscht?
Mein Krug ist voller Leben!
Soll warten ich, bis man mich fragt,
soll ich nicht einfach geben?
Er sieht sich um, sieht sich allein,
die leeren Zimmer gähnen;
voll ist der Krug, der überläuft
von Kickans heiβen Tränen.

Lahnstein, 11.10.1973