Der Menschgewordene an seine Mutter

Epoche: 
Scholastikat

Du Wunderschrein, der nie geöffnet ward
und doch der Gnade voll,
jetzt tret ich bei dir ein.
Du bietest mir, hingebend ganz und gar,
aus Herzensgrund dein bestes Kleinod dar,
der Liebe reinen Funken,
auf den aus Gottes höchstem Vaterschoβ
als gold´ner Schatten unaussprechlich klar
der Geist herabgesunken.
Ich bin bei dir,
so tief stieg Gott hinab,
daβ er sich selbst nun nimmt
aus dem Geschöpf, dem er das Leben gab.
Wie konntest du dies nur zu glauben wagen?
O du, o du, die Liebe glaubt es gern,
daβ Liebe gern sich neigt,
- so darfst du mich jetzt tragen.
Schenk mir dein Blut!
Aus deines Wesens Falten
trink ich dein Bild,
so kannst du stark und mild
zu deinem Kinde mich gestalten.
Umfange mich,
denn ich will aus dir leben,
du, Mutter, wirst
mich einst ans Licht der Erde heben,
du sollst mich allen geben.

Simpelveld, 25.1.1950

Der 25. Januar ist der Geburtstag meiner Mutter.