Das groβe Spiel

Epoche: 
Scholastikat

Wenn Gott heute zu mir käme und machte mir Mut, ihm einen Wunsch zu nennen, dann würde ich nicht schweigen, sondern ihn bitten: gib mir einen Zauberstab!

Dieser Stab müβte in meiner Hand sein wie der Stab eines Chorleiters; dann würde ich ein Spiel anordnen, und die ganze Welt müβte es spielen, wie mein Stab es wollte.

Ich brauchte mir die Worte zu diesem Spiel nicht erst lange zu suchen, denn ich weiβ sie schon lange: Das Spiel soll für die Worte da sein, nicht die Worte für das Spiel.

Jesus und Maria, das ist alles, das ist das ganze Spiel; und mein Stab müβte winken, und jedes Ding in der Welt müβte dann wissen, wie diese Namen zu nennen wären.

Alle Glocken müβten dieses Spiel einläuten in groβartigem Schwung; ach, und sie kämen doch nicht an den Schwung heran, der in den heiligen Namen läutet.

Nebel wäre ein silbergrauer Samt, leise rauschend gibt er die Bühne frei, die weite Gotteswelt, über die sich ein Schmuck breitet, kaum sichtbar, feiner als Goldfäden, zierlich gebaute zarte Netze, in die fleiβige Spinnen meine heiligen Namen gewoben haben.

Dann würden die Wege zwischen Wiese und Wald in lieblichen Windungen mit hellem Sand die Namen Jesus und Maria über die Auen malen; und der kreisende Adler malte in groβartigem Zuge, den Wegen unten folgend, die Namen umgekehrt an den Spiegel des Himmels.

Da würden Wolken sich ballen, und zwischen ihrer getürmten Reine lieβen sie nur soviel Blau frei, als man braucht, um die Namen Jesus und Maria darin zu lesen.

So zeichnete denn auch die Sonne, durch die Wolken lugend, die gleichen Schriftzüge über den Anger, über Städte und Fluren, die mit Blumen bedeckt sind.

Schau, und die Bienen, die kleinen, die emsigen, von süβem Honig berauscht, müβten die heiligen Namen in überschwenglichem Glück auf den Goldgrund der Blumenkelche tupfen.

Wenn dann die Wetter aus gelblichen Wolkendomen dräuhen, müβte der Donner, ferner zuerst und immer näher, die heiligen Namen mit schauererregender Macht um den Erdball schleudern, und zuckende Blitze schrieben mit spitzigem Finger, was die Donner gerufen hätten, denn niemand hätte ja die Sprache verstanden.

Erbrechende Himmelsschleusen schütteten auf Meereswogen unzählige Tropfen aus, und jeder hätte in seiner Mitte den Mutterschoβ des Regenbogens, den Brunnen des Friedens, darin die Namen Jesus und Maria leuchteten.

Auf die zerwühlte See würden sie trommeln und tanzen und den gierigen Ozean mit Frieden tränken, daβ auch das Meer nicht mehr anders könnte:

Es spannte die Windrose vor Wogenkämme und lieβe einen Tanz aufführen, damit die mutigen Möwen die heiligen Namen von den Schaumkronen essen könnten.

Dann bräche die Nacht herein, und die Sterne täten einen Reigen, und am Ende ständen dann unversehens die heiligen Namen groβ und matt und zierlich glänzend in der Milchstraβe zwischen zitternden Gestirnen.

Sie leuchteten herab auf glitzernden Alpenschnee, auf silbernen Firn, und der Mond lieβe auf frisch gefallenen Flocken die Spur einer Gemse erkennen, heilige Fährte mit heiligen Namen, so betet das Wild.

Auch die Menschen würde mein Stab leise und innig bitten, einmal Jesu zu sagen und Maria dabei nicht zu vergessen; sie müβten dies Gebet in den Fenstern ihrer Dome in Glas und Blei fassen, und die Sonne betete es dann blutig und warm auf den Fliesen des Schiffes noch einmal.

Aber sie haben ja selber ein Herz und können tausend neue Weisen ersinnen, die ich noch nicht kannte, um die Namen zu ehren; ich bin begierig, auch nur eine neue zu lernen.

Gern legte ich dann meinen Stab zur Seite, oder, wenn ich es nicht dürfte, würde ich Ja winken, und alle müβten sich freuen; niemand dürfte Beifall klatschen, alle haben ja mitgespielt; aber Jesus und Maria müβten nur froh lächeln über das Spiel und über meine Torheit.

Simpelveld, 1.2.1950

In der Nachtanbetung vor dem Herz-Jesu-Fest 1961 als Betrachtung für die Jungen gehalten.