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Crucifixus

Epoche: 
Universität

Zuoberst deine Schuld, gleich in drei Sprachen:
ein kläglicher Versuch, trotz Babels Turm
die Sünde in der Welt bekannt zu machen,
die dich, Erlöser, einen Sünder nennt.
In zweiundfünfzig Tagen wird dein Anhang
ganz anderes in aller Welt verkünden;
und auf den Kelch, den du schon heute trinkst,
da schreiben wir in eben den drei Sprachen,
du dreimal Heiliger, deine wahre Schuld.
Was ich geschrieben, sei nicht mehr geschrieben:
Ich war Pilatus, und Pilatus stirbt.
Dann deine Nägel: Durch dein Fleisch geschlagen
unwiderruflich in den Kern des Holzes.
Dein Kreuz und du: Von jetzt an unzertrennbar,
von jetzt ab ganz dasselbe, Kreuz und du:
Du nimmst es mit in deine Herrlichkeit,
die Wunden zieren deinen Osterleib.
Dein Kreuz, dein letztes Haus, o Zimmermann,
wird uns zur Hütte, wird zur Hut uns allen;
ein Tragendes wird Dach: Wir sind geborgen,
wir sind zu Hause, wir sind wieder Kind.
Das Lendentuch: Erinnerung der Sünde,
mit ihm verdeckst du das gezückte Schwert,
den Mahner, jenen strengeren Begleiter,
dem Engel beigesellt, den du uns gabst,
das biβchen Jugend noch in uns zu retten,
an das du deine Rettung, Heiland, knüpfst.
Die Krone, Herr, von Adams Schuld geflochten,
ein Erdensproβ, von unserm Stolz gesät.
Und du zuletzt, in Fleisch und Blut zerteilt,
in Leib und Seele, nicht in Mensch und Gott,
besiegt, bereit zu einem neuen Leben.

Mainz-Mombach, 7.10.1952